Meinung

Alles aus demselben Kaugummiautomaten? Ein Gespräch über KI, Canva und den Einheitsbrei auf unseren Eventgrafiken

· 6 min Lesezeit

Alles aus demselben Kaugummiautomaten? Ein Gespräch über KI, Canva und den Einheitsbrei auf unseren Eventgrafiken

Wer bei uns die Eventseite betreut, sieht im Eichsfeld eigentlich jede Grafik, die irgendwo für ein Kirmesfest, ein Open Air oder einen Vereinsabend rausgeht. Und ganz ehrlich: In letzter Zeit beschleicht mich zunehmend das Gefühl, ich werfe eine Münze in einen Kaugummiautomaten von 1995. Ich drehe, unten fällt etwas Buntes raus, und es ist jedes Mal dieselbe Kugel in einer anderen Farbe. Überladen, grell, aufgeladen bis zum Rand. Kreativität sieht anders aus.

Damit das nicht bei meinem Bauchgefühl bleibt, habe ich mir jemanden geholt, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Jule, das Gesicht hinter Julietta Kreativ, ist seit 2010 gelernte Mediengestalterin und hat in der Zeit unzählige Designs für Events im Eichsfeld und Umgebung gemacht. Ihr Berufsfeld steht durch KI direkt unter Druck – aber gerade deshalb hat ihr Blick Gewicht.

 

Stell dich kurz vor. Wer bist du und wie lange machst du schon Mediengestaltung?

Ich bin Jule – das Gesicht hinter Julietta Kreativ und seit 2010 gelernte Mediengestalterin und habe seitdem schon viele Designs für die Events im Eichsfeld und der näheren Umgebung erstellt.

Was hat sich in den letzten fünfzehn Jahren in deinem Handwerk am stärksten verändert?

Ich würde sagen, dass sich mein Handwerk so weit verändert hat, dass die Leute heute ihre Designs, sei es für Einladungen oder Social Media, selbst machen. Das Know-how der Branche rückt immer häufiger in den Hintergrund. Die kreative Leistung von Gestaltern und Designern wird nicht mehr so sehr anerkannt.

Einheitsbrei gegen Wiedererkennungswert

Genau das ist der Punkt, an dem es für mich als Beobachter interessant wird. Denn wenn alle plötzlich selbst gestalten, gestalten am Ende alle gleich.

Ich seh als Eventkalender gefühlt jede Grafik im Eichsfeld. Mein Eindruck: alles kommt aus demselben Kaugummiautomaten, gleiche Kugel, nur andere Farbe. Zu hart oder triffts?

Ja klar – Canva-Startseite ist halt bequem. Viele legen gar keinen Wert auf ein individuelles Erscheinungsbild. Dabei ist eine konsequente Designsprache für die Außenwahrnehmung super wichtig. Einheitsbrei vs. Wiedererkennungswert.

Warum sehen diese KI-Bilder alle gleich aus, obwohl die Farben sich unterscheiden? Steckt da ein technischer Grund dahinter?

Chatty kann nicht nur hässlich. Wenn man ihm sagt, er soll es schlicht halten, hält er es schlicht. Aber die meisten generierten Layouts wollen einfach viel zu viel. Dabei lernt man schon im ersten Ausbildungsjahr: Weniger ist mehr – und Weißraum ist nicht da, um gefüllt zu werden.

Und das ist der Kern der Sache. Die Maschine füllt jede Lücke, weil sie nicht weiß, dass eine Lücke auch mal Absicht sein darf. Ein geübtes Auge lässt Platz. Ein Automat kippt einfach die nächste Kugel nach.

Was eine Maschine nicht kann

Was macht eine Grafik zu deiner Grafik, das eine Maschine bisher nicht hinbekommt?

Neulich habe ich einen Entwurf für einen Messestand bekommen, der mit Chatty erstellt wurde. Schön und gut. Aber schlussendlich musste ich die Daten korrekt zum Druck anlegen und exportieren.

Chatty kann sich nicht in die Anforderungen der Auftraggeber hineinversetzen, keine fachliche Beratung bieten, keine Materialien auswählen. Das Wissen entsteht durch Erfahrung, nicht durch ein Language Model, das rät, welches Wort am besten als nächstes passt.

KI frisst sich direkt in dein Berufsfeld. Wie gehst du damit um, ohne in Abwehrhaltung zu rutschen?

Ich nutze KI ja selbst. Wenn ich mal keine Idee habe oder ein Text gekürzt werden muss, bin ich die erste, die GPT öffnet. Aber ich hole mir eben nur die Inspiration und setze es dann doch mit meinen eigenen Vorstellungen um.

Aber wenn ich dann Kommentare lese wie: ChatGPT hätte das auch gekonnt, denk ich mir: Nee. Das reicht eventuell für ein Instagram-Profilbild, aber bei vielem, was darüber hinausgeht, werden die technischen Voraussetzungen einfach nicht erfüllt.

Kurz gesagt: Ich lehne es nicht ab. Es gibt Einsatzzwecke, wo KI das Leben leichter macht. Aber es hat eben seine Grenzen.

Ein Verein ohne Budget sagt: Hauptsache kostenlos und schnell fertig. Was entgegnest du?

Kann ich total verstehen – aber muss das immer alles so hässlich sein?

Viele machen sich über KI-Grafiken lustig. Gibt es trotzdem einen Punkt, an dem die Gegenseite recht hat?

Auf der Pro-Seite stehen natürlich der Preis und die Geschwindigkeit. Da kann kein Designer mithalten. Aber die Chatbots reden einem halt immer nach dem Mund. Und dass da nicht immer was Gutes rauskommt, sehen wir alle…

 

Ein Verein will es besser machen, hat aber wenig Geld. Was rätst du konkret?

Ein Event, das viele Leute anziehen soll, muss halt auch aussehen wie ein Event, das viele Leute anzieht.

Sucht euch ein Canva-Template und bleibt dabei. Bleibt bei den gleichen Farben. Nutzt immer die gleichen 1 bis 2 Schriften. Irgendwen gibt es doch immer, der dafür ein Händchen hat.

Wo siehst du deinen Beruf in fünf Jahren, verschwindet er oder verschiebt er sich nur?

Ich sag mal so: Es gibt auch noch Italiener, obwohl die Tiefkühlpizza erfunden wurde. Für mal schnell ist es OK, aber wenn man was Spezielles braucht, dann geht man eben doch zum Profi.

Mein Fazit

Ich bin kein KI-Gegner, und Jule ist auch keiner. Das ist der Punkt, den ich mitnehme. Niemand hier sagt, dass Vereine für jedes Sommerfest einen Profi bezahlen müssen. KI und Canva senken die Hürde für alle, die kein Budget und keinen Bekannten mit Grafikprogramm haben. Das ist ein echter Vorteil, gerade bei uns, wo vieles ehrenamtlich läuft und jeder Euro zweimal umgedreht wird.

Aber ein Werkzeug macht noch keinen Handwerker. Wer den Automaten bedient, ohne zu wissen, wann er die Finger vom Drehknopf lassen sollte, produziert am Ende genau den Einheitsbrei, über den sich alle lustig machen – gleiche Kugel, andere Farbe. Und das Bittere daran: Ein Fest, das aussieht wie zwölf andere Feste, geht in der Timeline unter. Wiedererkennung entsteht nicht auf Knopfdruck, sondern durch das, was Jule beschreibt: dieselben Farben, dieselben ein, zwei Schriften, ein Auge für Weißraum und die Disziplin, eine Lücke mal Lücke sein zu lassen.

Deshalb mein Rat an die Vereine: Lernt, das Werkzeug zu bedienen, statt euch von ihm bedienen zu lassen. Legt euch eine Linie fest und bleibt dabei. Und wenn es wirklich drauf ankommt, wenn das Event groß werden soll, dann holt euch die, die es können. Es gibt schließlich auch noch Italiener, obwohl es die Tiefkühlpizza gibt.

Danke an Jule von Julietta Kreativ für das offene Gespräch.

hier der Kontakt zu ihrer Seite https://julietta-kreativ.de/

Mit dem Blick fürs Eichsfeld