Künstler

Der Blick von außen: Das Eichsfeld und seine Feierkultur mit Alex Gerber

· 6 min Lesezeit

Alex Gerber. Den Namen haben viele von euch sicher schon gehört, spätestens seit den Jahren mit den Oldschool Rockerzz, die in den 2010ern in der Region und weit darüber hinaus für Furore gesorgt haben.

Mich hat er das erste Mal erwischt, als ich gerade anfing, überhaupt wegzugehen. Glashaus, irgendwann in den späten 2000ern, ich ein Neuling auf dem Parkett, er schon mit einer Energie hinter den Decks, die man so schnell nicht vergisst. Seitdem sind wir uns immer wieder begegnet, mal zufällig, mal geplant. Irgendwann landeten wir sogar bei derselben Booking Agentur und haben gemeinsam viele Nächte und Veranstaltungen miteinander verbracht, besonders wenn das Eichsfeld der Treffpunkt war und sein Rider mal wieder erfolgreich vernichtet wurde.

Alex kommt aus Sondershausen und schaut damit als Außenstehender auf eine Region, die er trotzdem in- und auswendig kennt. Genau das macht seinen Blick interessant. Er sieht das Eichsfeld nicht mit den Augen von jemandem, der hier groß geworden ist, sondern mit dem Blick von jemandem, der sich bewusst immer wieder hierher gezogen gefühlt hat.

Was am Ende bleibt: sein guter Geschmack für Musik und diese sympathische Ader, mit der er das Eichsfeld und seine Menschen verbindet. Ich habe ihn gefragt, was ihn mit der Region verbindet, was sich verändert hat und worauf wir uns bei seinen nächsten Gigs freuen dürfen.


Alex, stell dich kurz vor. Wer bist du, woher kommst du und wie lange bist du schon als DJ unterwegs?

Ich bin mittlerweile 38 Jahre alt, komme aus Sondershausen und bin bald sage und schreibe 20 Jahre als DJ unterwegs.


Wann und wo war dein allererster Gig im Eichsfeld? Erinnerst du dich noch an die Stimmung an dem Abend?

Das war 2007 oder 2008 im Glashaus, zur City of Music Party. Die war damals neben der Studio 54 und der Disco Lies eine der erfolgreichsten Partyreihen, die das Glashaus zu bieten hatte. Es gab damals die Electro Lounge, und ich spielte von 4 Uhr bis End. (Anm. d. Red.: Die Electro Lounge existiert heute nicht mehr, dort befinden sich jetzt die Bar und der Raucherbereich am Südeingang.) Wie die Stimmung war? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Ich war zu nervös, um das wirklich aufzusaugen. Danach kam das Fette Geknarze mit dem Projekt Oldschool Rockerzz im Neuen Brunnen in Kefferhausen 2012, und mehrmals im Exit Club. Das war geil.


Du kommst aus Sondershausen, schaust also quasi von außen aufs Eichsfeld. Was macht die Region für dich besonders, was du in anderen Landkreisen so nicht erlebt hast?

Die Herzlichkeit und die Vereinsvielfalt haben mich schon immer in den Bann gezogen. Auch die Erfahrung, dass im Eichsfeld zu Beginn mehr Bigroom gefeiert wurde, also das klassische Welthouse, statt irgendwelcher 120 BPM Tracks. Haha, heute ist 170 BPM das neue 120.


Gibt es einen spürbaren Unterschied zwischen dem Eichsfelder Publikum und anderen Crowds? Und mal ehrlich, kann das Eichsfeld auch ein schwieriges Pflaster sein?

Absolut. In manch anderen Kreisen geht der Takt los und die Leute fangen sofort an zu tanzen. Im Eichsfeld braucht es manchmal einfach länger. Der Fokus liegt hier nicht direkt im Feiern, sondern primär darin, Leute zu treffen und soziale Kontakte zu pflegen. Das Tanzen, das Schreien, die Feierei kommt erst an zweiter Stelle. Aber dann richtig.


Vereinskirmes, Sunflower Open Air in Heiligenstadt, kleine Dorfveranstaltungen, große Open Airs. Was war dein persönliches Highlight im Eichsfeld und warum genau dieser Gig?

Ich möchte das Exit mit seiner exzellenten Feierlichkeit erwähnen, das Sunflower als Fundament für Erinnerungen. Besonders die House Kirmes in Gerbershausen, als ich Support Act für Heinz Felber war, oder den Tempel im Glashaus als Quelle des Oldschools. Hier darf man sein und sich breit machen. Vielleicht können wir das ja im Herbst wiederholen. Ebenfalls finde ich die Events in Uder immer besonders toll. Warum? Ich kann es nicht beschreiben. Man muss es einfach erleben. Heraus sticht aber eindeutig mein Gig beim EwigJungFestival, als ich das Warm Up für Lasgo gespielt habe. Mein Papa war damals im Eichsfeld stationiert, und es war ein Genuss, ihm alles zu erzählen. Ich habe gemerkt, wie er sich am Telefon gefreut hat.


Jetzt müssen wir über deinen legendären Rider reden. Eichsfelder Gehacktes mit Brötchen und Zwiebeln, sobald du hier spielst. Wie kam es dazu und ist das bis heute Pflicht?

Ich liebe es, sonntags auf einem warmen Toastbrot Eichsfelder Gehacktes zu essen. Auch samstags geht das immer. Das erinnert mich an Privatfeiern mit Mitternachtssnack. Ich liebe es einfach, regionale Spezialitäten zu essen. Und ja, es ist bis heute Pflicht. Ich brauche keine Kekse im Backstage.


Du warst Teil der Oldschool Rockerzz. Was ist die verrückteste Story aus dieser Zeit, die du sonst nirgendwo erzählst?

Wir haben mal zur Sommersonnenwende im Spreewald gespielt und dabei ein Interview geführt. Das war damals eine starke Region von uns. Das Videointerview sollte ohne Maske gemacht werden, aber das kam für uns nicht in Frage. Also haben wir zwei zufällige Typen aus der Menge genommen, ihnen unsere Verkleidung angezogen und sie einfach für uns reden lassen. Das war wirklich witzig.


Wenn du die Eichsfelder Veranstaltungsszene von früher mit heute vergleichst, was hat sich verändert? Eher zum Guten oder eher zum Schlechten?

Das Musikbewusstsein ändert sich schneller. In einigen Locations wurde von den Gästen Oldschool House noch als Radiomusik aus 2010 verstanden, und was auf dem Flugplatz Allstedt oder in Laucha schon lange lief, wurde stellenweise mit Fragezeichen konsumiert. Das hat sich verbessert. Man ist schneller am Zahn der Zeit. Was sich verschlechtert hat, ist die Weggehintensität. Die Leute haben seit Corona herausgefunden, dass Soziales auch zu Hause, im Garten oder am Handy funktioniert. Aber das Nachtleben braucht euch, also brennt für die Nacht, solange sie noch existiert. Schlafen könnt ihr mit 38.


Gibt es einen Ort, eine Location oder ein Dorf im Eichsfeld, wo du immer wieder gerne hinkommst? Was macht den Ort für dich aus?

Ich habe echt Probleme mit dem Differenzieren, merke ich gerade. Heiligenstadt, Uder, Etzelsbach, Worbis, Großbodungen oder Geisleden habe ich spontan im Kopf. Hier verbinde ich Erinnerungen an Kindheit, Jugend und Gegenwart. Und wer weiß, ab und zu im Coworking Space HIG vielleicht auch meine Zukunft.


Demnächst stehst du gleich zweimal im Eichsfeld auf der Bühne, am 05.06. beim HellDunkel Open Air in Bernterode bei Worbis und am 24.07. beim Festival of Love in Uder. Worauf dürfen sich die Leute freuen und was wünschst du dir generell für die Zukunft der Eichsfelder Veranstaltungsszene?

Die Leute können sich auf handverlesene Tracks freuen, die aus der Eichsfeld-Früher-Zeit stammen und eine Geschichte erzählen. Ich wünsche mir eine musikalische Vielfalt, die Neues zulässt, aber auch das Alte akzeptiert, toleriert und genauso feiert. Handy aus, Streaming aus, Musikwünsche aus. Lasst einfach mal die Schallwellen auf euch reagieren, statt Likes zu checken. Geht mehr weg zum Tanzen, trefft euch vorher und fangt an, mit dem Beat zu whippen. Und ich wünsche mir irgendwann mal eine geile Oldschool HipHop Party oder den Klassiker: Casino Royal.


Mit dem Blick fürs Eichsfeld