Duderstadt feiert, aber an einer ganzen Generation vorbei
13. Musiknacht
Am Samstag (06.06) wird Duderstadt wieder zur Bühne. 13. Musiknacht, zehn Locations, freier Eintritt. Gospel, Punk, Klassik, Coverbands, von der Basilika bis zur Kneipe ist alles dabei. Ein solides, gewachsenes Format, das seit 2012 läuft und jedes Jahr Leute in die Altstadt zieht. Die Künstler werden ihren Job machen, daran zweifle ich keine Sekunde. Wer das mag, wird einen schönen Abend haben.
Aber genau hier fängt es an. Wer das mag. Denn wenn ich ehrlich auf das Programm schaue, holt es mich als Mitte 30 jährigen kaum ab. Und das ist kein Zufall und auch kein Vorwurf an die Musiknacht selbst. Sie macht nur sichtbar, was in Duderstadt grundsätzlich schiefläuft.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Es geht nicht darum, dass gar nichts passiert. Das ältere Publikum bekommt Kultur und Formate wie die Musiknacht, verlässlich und gut gemacht. Auch das Fraenks hat zuletzt etwas mehr Vielfalt ins Duderstädter Nachtleben gebracht und das ist ausdrücklich zu begrüßen. Aber gemessen an der Gesamtzahl der Veranstaltungen über das Jahr ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Gruppe von 18 bis 40, die abends weg will, die ein Nachtleben tragen würde, die Freunde mitbringt und wiederkommt, fällt fast das ganze Jahr durchs Raster. Einmal Malle und gut. Das ist kein Angebot, das ist ein Feigenblatt.
Es fehlt also nicht der Wille, überhaupt etwas zu veranstalten. Es fehlt die Breite und vor allem die Regelmäßigkeit und die Möglichkeit. Ein einzelnes gutes Format macht noch kein Nachtleben. Und dann wundert man sich, dass am Wochenende die halbe Stadt nach Göttingen fährt. Ich wundere mich nicht. Ich würde es genauso machen.
Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt. Das Eichsfeld ist längst ein gemeinsamer Ausgehraum. Wer hier lebt, denkt nicht in Stadtgrenzen, der denkt in Fahrminuten. Man fährt dahin, wo abends etwas läuft, und in den meisten Orten der Region gibt es dafür auch Anlaufpunkte. Nur fällt Duderstadt dabei auffällig aus dem Rahmen. Und wenn das Eichsfeld die Gruppe zwischen 18 und 40 nicht bedient, dann fährt sie eben raus, nach Göttingen. Genau das will ich nicht. Ich will, dass die Leute im Eichsfeld untereinander weggehen, dass die Wege kurz bleiben und das Geld und die Stimmung in der Region bleiben. Das ist kein Schicksal, das ist eine Entscheidung.
Schaut man wenige Kilometer weiter nach Heiligenstadt zur Nacht der Kultur, wird das Spektrum deutlich breiter gedacht. Mehr Bandbreite, mehr Anschlusspunkte, mehr Mut, verschiedene Generationen gleichzeitig anzusprechen statt nur eine. Das ist keine Raketenwissenschaft, das ist eine Frage der Haltung. Will ich ein Programm für ein Publikum, das ich schon habe, oder will ich auch die ansprechen, die mir gerade davonlaufen?
Und hier wird es ernst. Das ist nämlich kein Geschmacksthema, sondern ein Standortthema. Die 16 bis 25 jährigen im Eichsfeld sind heute etwa halb so viele wie vor 20 Jahren. Wer in dieser Lage auch noch die mittlere Generation ungenutzt lässt, der verschenkt die letzten Leute, die abends überhaupt noch loswollen. Jeder, der sich einmal angewöhnt hat, fürs Feiern grundsätzlich woanders hinzufahren, kommt nicht automatisch zurück. Gewohnheiten setzen sich fest. Und irgendwann ist die Frage nicht mehr, ob jemand in Duderstadt feiert, sondern ob in Duderstadt überhaupt noch jemand auf die Idee kommt.
Vielleicht hilft ein Blick zurück. Wer in Duderstadt alt genug ist, erinnert sich ans Checkpoint. Eine Disco, die in den 80ern und 90ern genau die Leute angezogen hat, über die wir hier reden, jung, ausgehfreudig, am Wochenende unterwegs. Ein fester Treffpunkt, an dem man wusste, hier ist was los. Genau so ein Ort fehlt heute. Kein nostalgisches Wunschdenken, sondern eine simple Erkenntnis. Eine Stadt braucht einen Raum für diese Gruppe, einen Ort, an dem man sich trifft, ohne dafür erst aus der Stadt rausfahren zu müssen. Das Checkpoint war so ein Raum. Andere Orte im Eichsfeld haben solche Anlaufpunkte, Duderstadt hat derzeit keinen.
Es braucht keine weitere Malle Partymehr und keine zweite Jugenddisco. Es braucht regelmäßig, nicht einmal im Jahr, etwas für die Gruppe dazwischen. 90er/2000er Partys, die nachweislich generationenübergreifend ziehen. Vernünftige Clubabende. Livemusik, die nicht nur eine Generation Bedient bedient. Und vor allem den Willen, das durchzuhalten, auch wenn der erste Abend nicht sofort voll ist. Ein Nachtleben baut man nicht an einem Wochenende auf, aber man kann es an vielen Wochenenden kaputtgehen lassen, indem man einfach nichts tut.
Die Musiknacht am Samstag wird ein guter Abend. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob in dieser Stadt irgendwer bereit ist, endlich auch für die Generation dazwischen zu planen. Solange das nicht passiert, bleibt die Antwort dieselbe wie bisher. Die Leute fahren weg. Und die Lücke wird nicht kleiner, sie wird größer.
Mit dem Blick fürs Eichsfeld
Dario