Kneipensterben im Eichsfeld: Warum Michel in Hüpstedt gegen den Trend arbeitet
Wer heute übers Dorf fährt, sieht es an den dunklen Fenstern: Die alte Kneipe, in der man früher noch ein Bier getrunken, gefeiert oder Beerdigungskaffee getrunken hat, macht keiner mehr auf. Der MDR hat zuletzt vorgerechnet, dass gerade in Orten unter 5000 Einwohnern innerhalb von zehn Jahren fast jede zweite Kneipe verschwunden ist. Man muss dafür nicht weit fahren. In Breitenworbis, wo früher zwei Kneipen liefen, ist heute keine einzige mehr übrig.
Wir haben mit jemandem gesprochen, der gegen den Trend arbeitet. Michael Burkhardt betreibt seit 2013 die Michels Eichsfelder Braumanufaktur in Hüpstedt, die einzige kleine Brauerei im Eichsfeld. Nebenan hat er eine Gaststätte samt Kulturhof wieder aufgebaut und sucht jetzt jemanden, der den Laden dauerhaft mit Leben füllt. Über Kneipensterben, alte Wirte und die Frage, ob so ein Neustart im Eichsfeld überhaupt noch aufgeht.
Michel, du hast die Gaststätte und den Kulturhof neben deiner Manufaktur wieder in Betrieb genommen. Jetzt suchst du jemanden, der das übernimmt. Wie kam es dazu?
Das Haus mit der Gaststätte habe ich vor einiger Zeit vom Vorgänger gekauft. Der hat es anfangs auch noch selbst betrieben, dann kam Corona und die Schließzeit. Danach hat er nicht mehr weitergemacht, die Kneipe war zu. Die Räumlichkeiten waren alt und hatten einen erheblichen Investitionsstau, also wollte ich erst renovieren, bevor ich es selbst in die Hand nehme. Gesagt, getan. Es hat ein Weilchen gedauert, aber im Dezember 2024 konnten wir wieder eröffnen. Ich betreibe das allerdings nur temporär, für eigene Musikabende, Kneipenabende, Trauerfeiern und Brauereiführungen. Einen Dauerbetrieb kann ich nicht realisieren. Genau dafür suche ich Personal.
Der MDR zählt das Kneipensterben vor allem in kleinen Orten. Wie sieht es in Hüpstedt selbst aus, gibt es neben deinem Hof überhaupt noch eine Wirtschaft?
In Hüpstedt gibt es, wie auf den meisten Dörfern, keine Kneipe und keine Gastwirtschaft mehr.
Damit ist der Hof faktisch der letzte Anker im Ort. Und das ist der Punkt, an dem es interessant wird. Denn wenn ganze Dörfer ihre letzte Wirtschaft verlieren, stellt sich die Frage, woran das eigentlich liegt. An der Demografie, an den Kosten, oder auch daran, dass eine Betriebsform sich über Jahrzehnte selbst kaum bewegt hat.
Liegt das Kneipensterben nur an Demografie und Kosten, oder hat sich die Dorfkneipe als Betriebsform auch ein Stück selbst überholt?
Puh. Ich denke, die alten Gastleute fallen nach und nach weg und neue kommen nicht nach. Es gibt leider nicht viele, die diese Verantwortung übernehmen und ihren Job am Wochenende ausüben wollen.
Genau da liegt die unbequeme Wahrheit. Es fehlt nicht nur an Gästen, es fehlt an Leuten, die abends und am Wochenende hinterm Tresen stehen wollen, wenn andere frei haben. Wer eine Dorfkneipe hält, arbeitet dann, wenn das Dorf feiert. Was so ein Betrieb trotzdem bieten kann, hängt stark davon ab, was drumherum steht. Und bei Michel steht nebenan eine Brauerei.
Bei dir liegen Braumanufaktur und Kneipe Wand an Wand. Was bringt so eine Kombination, das eine klassische Dorfkneipe allein nicht hat?
Die Brauerei hat ein absolutes Alleinstellungsmerkmal im Eichsfeld, es gibt keine weitere kleine Brauerei. Michels Bier ist seit 2013 am Markt und hat sich einen gewissen Bekanntheitsgrad gemacht, auch über die Grenzen des Eichsfeldes hinaus. Dieses Potential, die Nähe zur Brauerei auf einem Hof, ist gegeben, und man könnte hier wirklich was draus machen. Wie geil wäre es, wenn man von Freitag bis Sonntag herkommen könnte, frisch gezapfte Biere, was kleines Handgemachtes zu essen, ein Käffchen mit gebackener Waffel. Biergarten? Da geht was.
Du suchst jemanden für den Dauerbetrieb. Was muss derjenige mitbringen?
Ich suche nicht zwangsläufig gelerntes Personal, aber Erfahrung in der Gastro sollte da sein. Und wie schon gesagt, die Arbeit findet am Wochenende und am Abend statt, das muss man wissen. Ansonsten: sympathisch, menschenliebend, freundlich und vielleicht auch ein bisschen verrückt.
So ein Laden steht und fällt damit, dass die Leute auch kommen. Was muss im Eichsfeld passieren, damit der Neustart nicht nach zwei Jahren wieder zumacht?
In erster Linie liegt es dann an uns, was wir den Leuten bieten. Nichtsdestotrotz müssen die Leute auch hin und wieder mal am Abend weggehen und ein paar Bierchen trinken. Wenn es sich nicht rechnet, kann man es nicht halten, so ehrlich muss man sein. Ein Versuch wäre es wert, und optimistisch, dass es funktionieren kann, bin ich.
Bleibt am Ende die Rechnung, die Michel selbst offen ausspricht. Ein Hof mit eigener Brauerei, frisch gezapftem Bier und Platz für einen Biergarten ist im Eichsfeld ein Pfund, das keine normale Dorfkneipe hat. Aber auch das schönste Konzept trägt sich nicht von allein. Es braucht jemanden, der abends und am Wochenende hinterm Tresen steht, wenn andere feiern, und es braucht Leute, die auch kommen. Beides ist keine Selbstverständlichkeit mehr, sonst stünden nicht überall im Landkreis die dunklen Fenster.
Wir finden: Genau solche Versuche sind es wert, unterstützt zu werden. Wenn junge Leute mit frischen Ideen so eine Chance in die Hand nehmen wollen, sollten sie sie bekommen. Und der Rest von uns entscheidet mit jedem Abend, den wir hingehen, ob die letzte Kneipe im Ort eine Zukunft hat oder auch bald dunkel bleibt.
Wer Interesse hat, den Betrieb auf dem Hof der Michels Eichsfelder Braumanufaktur zu übernehmen, meldet sich direkt bei Michael Burkhardt in Hüpstedt.
Mit dem Blick fürs Eichsfeld
