Veranstaltungssicherheit im Eichsfeld: Interview mit SHR Security
Alkohol, Awareness, Jugendschutz und die Frage, was sich auf den Veranstaltungen der Region wirklich verändert hat. Ein Gespräch mit den vier Köpfen hinter dem größten Sicherheitsdienstleister des Eichsfelds.
Eine junge Frau liegt besinnungslos auf einem Parkplatz. Alkohol, vermutlich dazu Betäubungsmittel. Ihre Freunde haben sie eben noch betreut, dann sind sie weg, rein zum Konzert, für das sie gekommen waren. Was passiert wäre, wenn niemand rechtzeitig gekommen wäre, mag man sich nicht ausmalen.
Der Fall ist keine Großstadt-Geschichte. Er ist passiert, Anfang 2026, auf einer Veranstaltung nicht weit von hier. Eingesammelt, stabilisiert und an den Rettungsdienst übergeben hat die Frau ein Team von SHR Security. Die Firma sichert zwischen 50 und 100 Veranstaltungen pro Jahr im Eichsfeld und im Raum Göttingen ab. Festivals, Stadtfeste, Konzerte, Kirmessen, Glashaus. Mittlerweile der größte Sicherheitsdienstleister der Region.
Ich wollte von den vier Köpfen hinter SHR wissen, was sich verändert hat. Und wo Vereine, Ausschank und Veranstalter im Eichsfeld ein Auge zudrücken, das sie eigentlich offen halten müssten. Am Tisch saßen Steffen Hauschild (Gesellschafter), Irina Hauschild (Geschäftsführerin), Dennis Kulipper (Betriebsleiter) und Jonas Volpers (Kundenmanager).
Mehr Gewalt, mehr Drogen: Was sich auf Veranstaltungen verändert hat
Dario Uhde: Fangen wir hart an. Mal ehrlich, wird die Lage auf Veranstaltungen hier dramatisiert oder ist sie wirklich so viel rauer als noch vor zehn Jahren?
Dennis Kulipper: Die Intensität der Gewalteinwirkung hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich gesteigert. Früher konnten wir Auseinandersetzungen meistens durch pure Präsenz auflösen. Heute werden unsere Mitarbeiter bei solchen Situationen häufiger mit Gegenständen angegangen. Gläser, Gürtel, Stühle, auch Messern. Dazu kommt der Konsum harter Drogen und Mischkonsum bei Jugendlichen und Heranwachsenden.
Steffen Hauschild: Es findet ein gesellschaftlicher Wandel statt. Eine Verrohung, die kein reines Großstadtphänomen mehr ist. Sie ist auch im Eichsfeld angekommen.
Dario Uhde: Jonas, du hast vorhin den Fall mit der jungen Frau auf dem Parkplatz erwähnt. Ist das ein Einzelfall oder Alltag?
Jonas Volpers: Wir erleben häufiger als noch vor ein paar Jahren einen extremen Alkoholgenuss, vor allem bei Minderjährigen. Die trinken oft außerhalb vor oder verlassen den bewachten Bereich absichtlich, um auf Parkplätzen oder Wegen unbeobachtet zu trinken.
Steffen Hauschild: Unsere Kräfte treffen dort Minderjährige mit Flaschen harter Alkoholika an. Wodka, Korn. Wir stellen den Zustand fest, nehmen den Alkohol an uns, und wenn es der Zustand nötig macht, spulen wir die standardisierte Notfallkette ab. Rettungsdienst, Eltern, Sicherung der Person bis zum Eintreffen der Sanitäter.
Irina Hauschild: Stell dir vor, was passiert wäre, wenn niemand rechtzeitig zu der Frau auf dem Parkplatz gekommen wäre. Ein junges Mädchen, allein, besinnungslos, auf einem dunklen Parkplatz. Das ist das leichteste Opfer, das man sich vorstellen kann.
Alkohol und Jugendschutz: Wo Vereine im Eichsfeld ein Auge zudrücken
Dario Uhde: Wo macht der Ausschank selbst Fehler? Klartext bitte.
Dennis Kulipper: Ein oft sehr laxer Umgang mit dem Jugendschutzgesetz beim Ausschank. Wenn das Thekenteam einen Minderjährigen aus der direkten Dorfgemeinschaft kennt, ist es ab und an geneigt, diesem Alkohol auszuschenken, den er eigentlich nicht bekommen dürfte.
Dario Uhde: Das ist eine ziemlich direkte Ansage für einen Sicherheitsdienstleister, der auf genau dieselben Leute als Kunden angewiesen ist.
Dennis Kulipper: Einigen Veranstaltern ist nicht klar, dass sie immer an der Spitze der Haftungs- und Verantwortungskette stehen. Wir arbeiten in einer Garantenstellung und setzen die Weisungen des Veranstalters um. Das Jugendschutzgesetz beachten wir selbstverständlich. Aber den Ausschank bewachen wir nicht. Diese Zuständigkeit liegt zu hundert Prozent beim Veranstalter.
Dario Uhde: Und die zweite Baustelle?
Dennis Kulipper: Die Nutzung von Gläsern und Flaschen im Ausschank. Aus Sicht einer Gefährdungseinschätzung immer eine latente Gefahr. Glas lässt sich als Schnitt- und Stichwaffe nutzen. Und wenn Gläser aus Versehen zerbrechen und der Scherbenhaufen nicht schnell entfernt wird, kann das zur Gefahr für alle werden, die reintreten oder reinfallen.
Steffen Hauschild: Dritter Punkt: Der Sicherheitsdienst wird zu spät in die Planung einbezogen. Dann gibt es kein oder nur ein unzureichendes Sicherheitskonzept und erst recht kein Awareness-Konzept. Das Kirmestreffen in Birkungen ist ein Beispiel, wo es richtig gelaufen ist. SHR war rechtzeitig einbezogen, wir konnten ein passendes Konzept, auch für Awareness, aufsetzen und durchziehen.
Dario Uhde: In eigener Sache: Ich war beim Eichsfelder Kirmestreffen in Birkungen selbst als Mitorganisator beteiligt. Das Konzept ist in direkter Abstimmung mit SHR entstanden, und genau deshalb weiß ich, wie der Unterschied aussieht, wenn alle Beteiligten frühzeitig an einem Tisch sitzen. Irina, was passiert in den Fällen, wo genau das nicht so läuft?
Irina Hauschild: Dann wird der Sicherheitsdienst oft erst zum Veranstaltungsbeginn eingeplant, nicht schon vorher. In dem Moment ist eine Kontrolle auf mitgebrachten oder vorher versteckten Alkohol und Betäubungsmittel schlicht nicht mehr möglich.
Jonas Volpers: Bei aller Kritik: Wir haben Verständnis. Die meisten Veranstalter machen das ehrenamtlich, neben Job und Familie. Und die Anfangszeit des Sicherheitsdienstes ist ein Kostenfaktor. Aber auch mit Blick auf die Haftung ist das zu kurz gedacht. Wir erarbeiten mit jedem Veranstalter ein Konzept, das Kosten und Nutzen abwägt. Zum Beispiel mit reduzierter Personenzahl schon vor dem offiziellen Beginn, damit nichts Verbotenes auf das Gelände kommt.
Awareness im ländlichen Raum: Großstadtthema oder Notwendigkeit?
Dario Uhde: Awareness. Das Wort fällt auf jedem Festival. Aber braucht es das wirklich auch bei einer Veranstaltung im Eichsfeld, oder verkauft man uns da ein Großstadtproblem?
Jonas Volpers: Die ehrliche Antwort lautet leider ja. Ich erlebe im Kundenkontakt und bei den Einsätzen auch im Eichsfeld immer häufiger übergriffiges Verhalten. Gerade weil bei uns alles familiärer, persönlicher, gewohnter ist, sehen wir uns in der Pflicht, dieses Lebensgefühl zu erhalten, indem wir einen sicheren Ort für alle schaffen.
Irina Hauschild: Auf annähernd jeder Veranstaltung werden Frauen und vulnerable Personen Opfer von übergriffigem Verhalten. Der Klaps auf den Po einer Frau wird kaum noch als übergriffig empfunden, obwohl er ein justiziables Verhalten darstellt. Die verbale Übergriffigkeit, im Übermut oder in Verbindung mit Alkohol, hat eine Dimension erreicht, bei der wir uns einzuschreiten verpflichtet sehen.
Dennis Kulipper: Zur Einordnung: Awareness-Strukturen gibt es seit den frühen 2000ern, vor allem in studentischen Städten. Im Raum Göttingen seit spätestens 2010 Standard bei Veranstaltungen. Ab 2015 haben sich die Konzepte auf alle Veranstaltungsarten ausgeweitet. Das Eichsfeld zieht jetzt nach.
AG Jugendschutz Eichsfeld: Sicherheitsdienst als Mitgestalter
Dario Uhde: Ihr sitzt in der Arbeitsgemeinschaft Jugendschutz beim Landkreis Eichsfeld mit am Tisch. Eine Firma, die von Veranstaltungen lebt, wirkt an Regeln mit, die Veranstaltungen betreffen. Warum sollten die Leute euch das abnehmen?
Steffen Hauschild: Die AG steht unter der Schirmherrschaft des Landkreises Eichsfeld. Mit am Tisch sitzen Jugendamt, Polizei, Ordnungsamt, Suchtberatung, Schulvertreter und wir. Gemeinsam werden Konzepte erarbeitet, die den Schutz von Kindern und Jugendlichen zum Zweck haben und die Veranstalter dabei unterstützen sollen, rechtssicher und insgesamt sicher zu planen.
Wir treffen uns in den Räumlichkeiten des Landkreises. Bei jedem Termin tauschen wir Erkenntnisse und Vorfälle aus und beraten, wo Anpassungen nötig sind. Unsere Kunden beraten wir dann entlang dieser Konzepte. Das Bändchensystem zur Altersqualifizierung ist eines der zentralen Ergebnisse, weil es sowohl dem Ausschank als auch dem Sicherheitsdienst auf einen Blick eindeutig macht, wer was bekommen darf.
Dennis Kulipper: Parallel passen wir unsere internen Schulungen ständig an. Rechtslage, Eingriffsrechte, psychosoziales Training. Awareness ist dabei ein Thema, das für viele noch neu ist, für uns und für die AG aber ein echtes Anliegen. Damit auch die Kinder von heute noch so sicher, unbedarft und sorglos feiern können, wie wir es damals konnten.
Dario Uhde: Wie sehen diese Eingriffsrechte in der Praxis aus?
Irina Hauschild: Unsere Kräfte haben auf den betreuten Veranstaltungen grundsätzlich das Hausrecht. Das erlaubt uns Taschen- und Rucksackkontrollen. Finden wir Alkohol bei Jugendlichen, die ihn laut Gesetz nicht besitzen dürfen, beschlagnahmen wir ihn. Kommt kein Elternteil, wird er mit Einverständnis des Eigentümers vor Ort vernichtet.
Jonas Volpers: Die Bändchensysteme haben sich massiv bewährt. Wir kontrollieren am Eingang das Alter, bevor jemand überhaupt auf das Gelände kommt. Das ist eine Vorselektion, die dem Ausschank später viel Arbeit abnimmt.
Sicherheitskonzept für Veranstaltungen: Ab wann Pflicht und was muss rein?
Dario Uhde: Ab wann braucht ein Veranstalter im Eichsfeld wirklich ein Sicherheitskonzept? Viele Vereine denken, das sei etwas für Großveranstaltungen.
Dennis Kulipper: Gesetzlich vorgeschrieben ist ein Sicherheitskonzept nach §43 MVStättVO ab 5.000 erwarteten Gästen. Ab 1.000 Gästen wird in der Regel eine Baugenehmigung nötig, und die setzt wiederum ein Sicherheitskonzept voraus. Außerdem kann die Ordnungsbehörde je nach Art und Risiko der Veranstaltung eines anfordern, auch bei kleineren Zahlen.
Ein Sicherheitskonzept umfasst technische, organisatorische und personelle Maßnahmen. Gefährdungsanalyse, Fluchtwege- und Räumungsplanung, Kommunikationskette. Grundsätzlich ist der Veranstalter selbst verantwortlich, wir übernehmen das aber gerne, inklusive Abstimmung mit Polizei, Ordnungsamt und Feuerwehr. Wer unsicher ist, fragt früh beim zuständigen Ordnungs- oder Bauamt nach. Und wenn ein Konzept gefordert wird, meldet euch, dann kümmern wir uns. Details zu unserer Arbeit stehen auf Veranstaltungsschutz im Eichsfeld.
Veranstaltungsrecht Thüringen und Niedersachsen: Unterschiede im Eichsfeld
Dario Uhde: Das Eichsfeld liegt auf der Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen. Ihr arbeitet auf beiden Seiten. Wo sind die echten Unterschiede?
Steffen Hauschild: Auf kommunaler Ebene gibt es unterschiedliche Auflagen. Dazu landesrechtliche Unterschiede, zum Beispiel beim Bewachungsschlüssel, also wie viele Sicherheitskräfte pro 100 Gäste vorgesehen sind.
Irina Hauschild: Und bei der Kostenkalkulation. In Thüringen gibt es einen verbindlichen Tarifvertrag, an den alle hier tätigen Sicherheitsdienstleister gebunden sind. In Niedersachsen existiert kein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag, sondern nur der des BDSW, also für Mitglieder des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft. Dieser ist übrigens Leitgrundlage für den Thüringer Vertrag. Wir haben uns von Anfang an entschieden, unser Personal in Anlehnung an den BDSW-Tarif zu vergüten. Kunden aus Eichsfeld oder Niedersachsen können die Tarifverträge bei uns anfordern, wenn sie unsere Kalkulation nachvollziehen wollen.
Dennis Kulipper: Auch die Genehmigungsverfahren unterscheiden sich. Im Eichsfeld ist vieles familiär, man kennt sich über Jahre. In Duderstadt sitzt dir als Veranstalter dagegen auch mal ein neuer Sachbearbeiter gegenüber, der denselben gesetzlichen Rahmen hat, aber anders auslegt. Ermessensspielräume bleiben Ermessensspielräume.
Jonas Volpers: Und das Klientel ist ein ganz anderes. Im Eichsfeld sind es oft dieselben feierwütigen Gäste, die wir am Wochenende vorher schon auf einer anderen Kirmes oder im Glashaus gesehen haben. Diese fast familiäre Bindung ist Gold wert. Deshalb setzen wir vor Ort auf zwei Gesichter mit klarem Bezug zur Region: Matthias Ruge ist gebürtiger Eichsfelder und war viele Jahre für Fischer Security im Einsatz. Beide Firmen arbeiten heute bei Bedarf zusammen, Subkooperationen sind in der Branche üblich, man unterstützt sich. Ich selbst komme nicht aus dem Eichsfeld, bin aber seit Jahren eng mit der Region verbunden. In Duderstadt wechselt das Publikum je nach Veranstaltung, und jeder Einsatz bringt neue Herausforderungen mit.
Ein Rat an Veranstalter im Eichsfeld
Dario Uhde: Wenn ihr Vereinen und Gemeinden im Eichsfeld einen Rat geben könntet, der hängen bleibt, welcher wäre das?
Steffen Hauschild: An der Sicherheit zu sparen, kostet im Ernstfall den Ablauf der Veranstaltung und die Zufriedenheit der Gäste.
Dennis Kulipper: Gesetzliche Vorgaben sind kein Selbstzweck, sie regeln das sichere Zusammenleben aller Bürger und sind damit Grundlage jeder gelungenen Veranstaltung.
Jonas Volpers: Sicherheit und Zufriedenheit von Gästen und Veranstaltern sind unser höchstes Gut.
Irina Hauschild: Verlasst euch auf Sicherheit und Qualität. Wir beraten zu jeder Veranstaltung und haben für eure Wünsche ein offenes Ohr. Meldet euch einfach.
Fazit
Das Gespräch hat die eine oder andere Wahrheit benannt, die normalerweise zwischen zwei Bier auf dem Festplatz verloren geht. Messer, Mischkonsum, Minderjährige mit Wodka auf dem Parkplatz, Thekenteams, die ein Auge zudrücken. Das ist nicht die Erzählung, die man sich über das Eichsfeld gerne macht. Sie ist aber Teil davon geworden, und sie betrifft nicht nur die Kirmes, sondern jede Veranstaltung in der Region.
Transparent gesagt: Man kennt sich. SHR und der Eventkalender bewegen sich im selben regionalen Umfeld, bei den gleichen Veranstaltungen, mit den gleichen Vereinen. Genau deshalb war mir das Interview wichtig. Fragen zu Bewachungsschlüssel, Garantenstellung, Tarifverträgen und AG Jugendschutz kann ich als Eventkalender-Betreiber nicht aus eigener Erfahrung beantworten. Da brauche ich Leute, die täglich drinstecken. Und auch ich habe aus diesem Gespräch einiges mitgenommen, was ich so vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Wer mehr über die Arbeit von SHR Security wissen will, findet die Details auf shr-security.de.
Mit dem Blick fürs Eichsfeld
Gruß Dario
