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Vom Kinderzimmer ins Sputnik Zelt

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Vom Kinderzimmer ins Sputnik Zelt: Extaso über 15 Jahre Tekk, Familie und das Set seines Lebens

Extaso über 15 Jahre Tekk, Familie und das Set seines Lebens


Wer in Mitteldeutschland zwischen Festivals und Clubs unterwegs ist, kommt an Extaso kaum vorbei. Bürgerlich Enrico Huke, Hardtekk Live Act seit 2011, mittlerweile in seinem 15. Jahr auf der Bühne und einer der gefragtesten Acts der Szene. Ich kenne Enrico schon ewig, wir haben damals zusammen die ersten Schritte in der elektronischen Musik gemacht. Höchste Zeit also, sich mal in Ruhe hinzusetzen und über alles zu reden, was zwischen erstem Plattenspieler und ausverkauftem Sputnik Zelt so passiert ist.


Lass uns mal ganz vorne anfangen. Wie bist du überhaupt zur elektronischen Musik gekommen und wann war für dich klar, dass du selbst auflegen willst?

Ungefähr im Jahr 2004 habe ich aus dem Zimmer meines großen Bruders immer laute Musik gehört, die mir von Zeit zu Zeit immer mehr gefiel. Damals gab es kein Spotify und Co., ich glaube noch nicht einmal USB-Sticks, also fragte ich ihn, ob er mir mal ein paar CDs brennt von dieser Musik, damit ich sie mit meinen Kumpels auch hören kann. Das war das erste Mal, dass ich mit elektronischer Tanzmusik in Berührung kam. Das waren damals Sets von Disco Dice, Tom B. und weiteren House-Acts. House war somit die erste Musikrichtung von elektronischer Tanzmusik, die ich kennen und lieben gelernt habe. Vorher hatten meine Kumpels und ich nur Charts, also Rock, Pop und Hip-Hop gehört.

Ein Jahr später bekamen wir dann die Sets von Sputnik Turntable Days, eine Veranstaltung, wo auch Minimal und Schranz vertreten war. Und das war quasi der Startschuss in die diese Musik, seitdem haben wir nur noch elektronische Musik gehört. Die Sputnik Sets waren sozusagen der Grund, warum wir diese Musik in unserem Freundeskreis gehört haben. Und Sputnik wurde jedes Jahr zur absoluten Tradition, in den ersten Jahren live vor den Radios, natürlich haben wir alle Sets mitgeschnitten und das ganze Jahr im Auto und Zuhause gehört. Ab 2008 dann auch als Gast, ab diesem Zeitpunkt hieß es dann Sputnik Spring Break.

Um nicht zu weit abzuschweifen, jetzt noch zu deiner zweiten Frage. Im Laufe des Jahres 2006 sind wir in der Musikhöhle des Bruders von einem Kumpel gelandet, dort waren Schallplattenspieler, Mixer und Anlage aufgebaut. Wir dürften uns mal ausprobieren. Ich war sofort verliebt in das „selber Musik machen“. Ende 2006 habe ich mir dann mit zusammengespartem Geld mit meinem Kumpel Christian selbst Plattenspieler und Mixer gekauft, Anlage hatte ich schon. Und dann ging’s los. Kurze Zeit später hatten wir einen Namen, und seitdem gibt es das DJ-Duo Lautstark. Ab diesem Zeitpunkt haben wir gefühlt jedes Wochenende Musik gemacht. Bis heute. 😂 So hat alles begonnen.

Und erinnerst du dich noch an deinen ersten Gig als Extaso? Was geht dir dabei durch den Kopf?

Mein erster Gig als Extaso war viel später, da ich erst 2011 mit Tekk in Berührung kam. Mein erster Auftritt war am 08.10.2011 auf dem Festsaal in Beuren. Mein Kumpel Dario, den kennst du sicherlich, gab mir die Möglichkeit auf einer seiner Veranstaltung mein neues Tekk-Projekt auszuprobieren, und naja, wie die ersten Auftritte so verlaufen, gab es natürlich technische Störungen, durch mein Verschulden, und ich war auch sehr aufgeregt, aber im Großen und Ganzen war es ein voller Erfolg und ich hatte meinen Spaß und die Gäste auch.

Wir hatten in der Jugend den gleichen Traum: einmal beim Sputnik Spring Break aufzulegen. Ich habe es geschafft, du sogar mit zwei Projekten. Was hat dieser Moment für dich bedeutet?

Wie schon erwähnt, habe ich ja mit meinem Kumpel zusammen angefangen Musik zu machen. Dass wir einmal beim Sputnik Spring Break spielen, war am Anfang undenkbar. Als es dann 2011 tatsächlich durch einen Newcomer-Contest geklappt hatte, war das ein Traum, der in Erfüllung geht. Und dieses Gefühl ist einfach einzigartig. Jeder, der es schon mal hatte, weiß wovon ich rede.

Im Jahr 2018 habe ich dann als Extaso das erste Mal beim Sputnik Spring Break gespielt, auf dem Festivalgelände, was noch mal eine Steigerung zu dem Newcomer-Slot war. Es war einfach unbeschreiblich, aber der absolute Höhepunkt war 2022, als ich das erste Mal alleine im großen Sputnik-Zelt spielen dürfte. Es war bisher für mich das beste Set meines Lebens, und ich werde es niemals vergessen. Was ich da gefühlt habe, kann ich nicht in Worte fassen.

Was war mit Abstand dein erfolgreichster Track oder Remix? Wie ist die Idee entstanden und warum, glaubst du, feiern ihn die Leute so?

Mein bekanntester Track ist meiner Meinung nach „When I’m Gone“. Dieser lief sogar schon zweimal im Radio bei Radio Top 40. Außerdem war er eine kleine Hymne eines Karnevalsvereins, der den Track immer zu Rosenmontag in Erfurt in der Innenstadt auf einem Karnevalswagen spielte, davon gibt es mehrere Videos auf meiner Instagram Seite, eins der geilsten Videos, die ich hochgeladen habe.

Die Idee zu den Track kam zufällig, da ich bei YouTube die Sängerin dieses Liedes gesehen habe, und sofort in das Lied verliebt war. So kommen bei mir die meisten Ideen, plötzlich! Und ich weiß sofort, das wird geil.

Du fährst jedes Wochenende quer durchs Land, dazu kommen Fans, die ständig Fotos wollen, und du bist gleichzeitig Familienmensch. Wie bekommst du diese drei Welten unter einen Hut, ohne auszubrennen?

Also für mich sind das nicht drei Welten, sondern eher zwei Welten. Die Fotos mit den Fans mache ich gerne, hier habe ich übrigens noch nie nein gesagt, dafür nehme ich mir immer die Zeit. Und wenn man ehrlich ist, geht das doch schnell.

Bezogen auf die Balance zwischen (ich sag jetzt mal) Deutschlandtour und Familienleben, kann ich nur vorne weg eins sagen, ich bin froh, dass ich meine Partnerin habe, die das schon seit über zehn Jahren toleriert und mich in allen Belangen unterstützt, auch meine Eltern und Freunde sind immer für mich da, ich muss sehr selten alleine fahren. Familiär sind meine Partnerin und ich da ein eingespieltes Team und ich bin wirklich ehrlich, hierbei kommt nichts zu kurz. Ich verpasse keine Familienaktivitäten, achte immer darauf, dass es nicht zu viel wird, und bin sehr glücklich mit der Menge an Gigs, die ich habe. Auch wenn mich die langen Autofahrten manchmal ziemlich nerven, aber so geht es sicherlich den meisten Künstlern. 😅

Ich könnte dich auch als Mr. Challenge bezeichnen, du setzt dir immer wieder neue Ziele. Woher kommt dieser Spirit und was waren deine letzten großen Meilensteine?

Also ich denke du meinst in Bezug auf mein musikalisches Schaffen. Wie ich schon erwähnt habe, war mein Ziel schon immer beim Sputnik Spring Break zu spielen und das habe ich schon, mit diesem Jahr gezählt, vier Mal geschafft, wenn man Lautstark dazu zählt, schon fünf Mal.

Dann habe ich vor kurzem ein ziemlich seltenes Ziel erreicht, ich denke auch nicht, dass das so viele Künstler auf dem Schirm haben, aber ich fand es ganz cool. Und zwar habe ich letztens in Mecklenburg-Vorpommern einen Gig gehabt, und das war dann tatsächlich das letzte von 16 Bundesländern, was mir gefehlt hat, um in jedem Bundesland mindestens einmal gespielt zu haben. Das zu schaffen war einfach klasse. Darauf bin ich sehr stolz und ich bezeichne das definitiv als gewaltigen Meilenstein.

Erzähl mal eine witzige Geschichte vor der Bühne und eine dahinter.

Auf der Bühne ist mir mal folgendes passiert. Ich habe wie immer mein Equipment aufgebaut, währenddessen der DJ vor mir noch gespielt hat. Es war sehr sehr dunkel auf dem Floor, und ich habe versehentlich eine offene Flasche über eine Verteiler-Steckdose geschüttet, es gab einen lauten Knall, und alles war leise und dunkel. Die Leute haben natürlich gedacht, dass es der DJ war, der gerade gespielt hat, aber eigentlich war ich schuld, das habe ich natürlich niemanden gesagt, naja, eigentlich ist es nicht lustig, aber irgendwie schon. 😂 Ein paar Minuten später war das Problem gelöst, und es lief wieder alles. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe mittlerweile über 1000 Partys erlebt, und mir ist auf Anhieb jetzt nichts Besseres eingefallen. Das liegt nicht daran, weil es nichts besseres gab, sondern weil man echt so viel vergisst im Laufe der Zeit, da es einfach so viele verschiedene Partys waren.

Du meinst sicherlich hinter der Bühne mit dem zweiten Teil der Frage. Da gibt es sicherlich auch unzählige Dinge, die ich aber hier nicht erzählen werde. xD Aber eins fällt mir auch direkt ein, was ich erzählen kann. Und zwar haben wir mal Wahrheit oder Pflicht gespielt im Backstage. Ich hatte Pflicht genommen und sollte einen Schnaps exen. Da wir aber kein Glas hatten, haben wir den Schnaps aus einem Stück Kaffeefilter getrunken. Ich war völlig eingesaut, aber habe meine Pflicht erfüllt. 😂

Als wir damals mit ein paar Freunden die CMYK Partys veranstaltet haben, warst du der Meister des Tekk Floors und hattest die wildesten Ideen für ein VS. Hau mal deine Top 5 VS Konstellationen raus, also VS Extaso.

Das werde ich jetzt mal chronologisch beantworten. Angefangen 2011 im vs. mit meinem lieben Crotekk. Dann definitiv Extaso vs. Zahni vs. Borderline bei 5 Jahre Extaso. Dann definitiv auch Extaso vs. Maytrixx vs. KomaCasper. Ruhe in Frieden lieber Steven! Und ganz klar JACKTASO! Also Jacktekkniels & Extaso. Und natürlich mit meinem lieben Nogge.

Jetzt mal Deeptalk. Wo siehst du dich in fünf Jahren, musikalisch und privat? Und was würde dich glücklich machen, auch wenn die Musik in ihrer jetzigen Form mal wegfallen würde?

In fünf Jahren bin ich 40 Jahre, wo sehe ich mich da privat? Hmm, eigentlich genau da wo ich bin, denn ich bin sehr sehr glücklich. Vielleicht eine Beförderung in meinem Job unter der Woche, weil ich arbeite ja noch normal im Büro. Nein, mal im ernst, privat sehe ich mich in fünf Jahren genau da wo ich jetzt bin, hoffentlich gesund und munter, das ist das Wichtigste.

Wie es sich musikalisch weiter entwickelt, kann ich nicht sagen, gefühlt wurde uns schon vor zehn Jahren gesagt, dass es Tekk als Musikrichtung bald nicht mehr geben wird. Und jetzt steh ich hier, nach 15 Jahren Extaso und ich hab trotzdem noch jeden Monat unzählige Gigs. Wenn es die Musikrichtung in fünf Jahren nicht mehr gibt, dann ist das sehr schade, aber dann ist es so, dann hatte ich trotzdem 20 Jahre die einfach unfassbar geilste Zeit und habe Dinge erlebt, die unvergesslich bleiben. Also alles gut. Mal sehen, wie sich die Zukunft entwickelt. Ich mache jedenfalls gerne weiter Musik, und es gibt keinen Grund, damit aufzuhören.

Letzte Frage und gleichzeitig Service für die Leser: Wann bist du das nächste Mal im Eichsfeld unterwegs?

Ich habe gerade mal nachgesehen und meine nächsten Gigs im Eichsfeld sind am 29. Mai im Rosshof in Lutter, am 5. Juni beim HELLDUNKEL Open Air in Bernterode bei Worbis, am 10. Juli im Festzelt in Breitenworbis, und nicht zu vergessen, mein 15-jähriges Jubiläum am 10.10. im Glashaus in Worbis.

Peace.


15 Jahre Extaso, ein eigenes Bundesländer Bingo und ein Set, das er nie vergessen wird. Wer Enrico live erleben will, hat im Eichsfeld in den nächsten Monaten reichlich Gelegenheit. Und wenn man ihn dort trifft: einfach ansprechen. Ein Foto ist immer drin.

 

Links Dario / Rechts Extaso / Bildrechte Enrico Huke